Das soziale Massaker

 Kiriyama in dem Film "Battle Royale" ist eine waschechte Tötungsmaschine.

Psychologie ist ein schwieriges Thema, ich bin ehrlich gesagt überhaupt kein Experte in dem Gebiet. Nur habe ich mir die letzten Tage im Zuge der immer mehr ausartenden Corona-Pandemie einige Gedanken über das Verhalten der Menschen gemacht. Über irrationalen Humbug wie das Horten von Klopapier will ich nicht mehr reden, das haben schon zu viele vor mir gemacht. Mir geht es vielmehr um die allgemeine Frage der Panik und ab wann ein Mensch bereit ist, um sein eigenes Überleben zu sichern, ein anderes Individuum auszulöschen.
Auf den Gedanken bin ich durch das großartige Splatter-Drama "Battle Royale" aus dem Jahr 2000 gekommen, das die Geschichte einer Schulklasse erzählt, die auf eine einsame Insel verschleppt wird und dort die Aufgabe hat sich innerhalb von drei Tagen manuell zu dezimieren- eben solange bis nur noch einer von ihnen am Leben ist. Erschreckend beklemmend zeigt es, dass der Mensch auch nicht mehr ist als eine blutrünstige Bestie. Selbst jene, die von sich dachten, dass sie nie und nimmer zu einem Mord fähig wären, beginnen irgendwann ihre Kontrahenten abzuschlachten. Zwar gibt es immer noch kleine Grüppchen, die versuchen zusammenzuarbeiten, aber auch in denen knallt es gewaltig und nicht selten ist das Ende vom Leid ein Massaker sondergleichen.
Interessant ist hierbei der Charakter Kazuo Kiriyama, der als einziger der Jugendlichen freiwillig an diesem makaberen Spiel teilnimmt. Er zieht aus dem Töten positive Energie, das Leid anderer bereit ihm Freude- er ist das, was man allgemein hin als Psychopath oder Sadist bezeichnen würde. Er tötet alles, was ihm in die Quere kommt. Hinzu kommt noch, dass er etwas mysteriöses an sich hat. Den ganzen Film über bekommt man kein Wort von ihm zu hören. Seine Sprache ist die Gewalt. Der Hass. Auch ein Psychologe könnte bei ihm wohl nur noch wenig gerade biegen.
Können Ausgangssperren Menschen zu Mördern machen?

Um Menschenleben vor dem potenziell tödlichen Corona-Virus zu retten, werden nun vermehrt von den Regierungen Ausgangssperren und Kontaktverbote verhängt. Ganz klar ist jedoch auch, dass diese Isolation für ohnehin schon angespannte Situationen wie einer Ehekrise zu grauenhaften Gewaltausbrüchen führen kann. Auch Leute, die allein leben, stehen nun vor einer ganz neuen Herausforderung: plötzlich ist niemand mehr da, der einen besuchen oder in der Kneipe bei einem gemütlichen Feierabendbier mit einem quatschen will. Im schlimmsten Fall führt das dann zum Suizid, weil das Leben, was man sich einst so schön geredet hat, plötzlich gar nicht mehr existiert. Aus Stress wurde Langeweile. Männer, die nun im Home Office ackern müssen, sind auf engstem Raum mit ihren Frauen und Kindern. Das man sich da auch mal auf die Nerven geht, gehört dazu. Doch wenn sich das über mehrere Wochen zieht, wie eben jetzt im Falle der Corona-Pandemie, dann kann man nur das schlimmste befürchten. Dann sterben Menschen nicht an einem Virus, der sich wie ein Lauffeuer verbreitet, sondern aus purer Verzweiflung. Es wird ein Massaker wie es es noch nie gegeben hat. Und das wird uns auch auf lange Sicht schaden.
Der Tod macht uns Angst, doch er ist uns näher als alles andere.

Für das Social Distancing gibt es allerdings auch keine Alternative. Das Motto "Augen zu und durch!" wird gepredigt und wir sehen: am Ende ist immer der Tod, das Verderben und die Trauer. Ob man nun umgebracht, überfahren oder vom Corona-Virus überrumpelt wird: sterben muss man immer. Und wenn schon Menschen sich gegenseitig angreifen nur um an eine Packung Klopapier zu kommen, kann man sicher sein, dass das hier erst die Spitze des Eisbergs ist. Nach dieser Pandemie wird nichts mehr wie zuvor sein. Und wir müssen lernen, von lieb gewonnenen Menschen Abschied zu nehmen. Es gilt wie immer: Survival of the fittest.

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