Der Aufstieg des Denunziantentums

Der größte Lump im ganzen Land, ist und bleibt der Denunziant. 
Vielleicht hat der ein oder andere dieses weise Zitat des Germanisten August Heinrich Hoffmann von Fallersleben gehört. Der Denunziant ist ein die größte Gefahr für unser Gemeinwohl, denn er nimmt uns die Möglichkeit frei zu reden und unserem eigenen Ermessen nach vernünfig zu handeln. In Rap-Texten spricht man nicht von Denunzianten, sondern von sogenannten 31ern, der sich auf Paragraph 31 des Betäubungsmittelgesetzes bezieht. Dort steht geschrieben, dass man mit milderen Umständen zu rechnen hat, wenn man seinen eigenen Kollegen verpfeift. In der Schulzeit nannten wir solche Menschen "Petze". "Der Dieter hat seine Hausaufgaben vergessen, Herr Lehrer! Sie müssen ihm eine Strafarbeit geben!" Sind wir ehrlich- diese Art von  Menschen mag keiner.

Der Kolumnist Christian Stöcker, der für das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL schreibt, sieht das ganz anders (Quelle). Er stellt völlig richtig fest, dass durch die Corona-Pandemie das Wort "Denunziant" plötzlich wieder häufig verwendet wird. Zuletzt war das Wort vor allen Dingen in autoritären Staaten wie der DDR oder dem dritten Reich beliebt, in den letzten Jahren wurde es relativ ruhig um die, wie sie früher genannt wurden, Volksverpetzer. Wer in der heutigen Zeit eine Party schmeißt (als "Party" sieht man mittlerweile schon das Treffen dreier Jugendlicher, die Alkohol trinken), muss damit rechnen früher oder später mit der Polizei im Clinch zu sein. Nicht etwa, weil die Polizei neuerdings wachsamer ist, das vielleicht auch, aber hauptsächlich weil es die Sorte Mensch gibt, die eine schier diabolische Freude daran hat anderen eins auszuwischen. Ein schlechtes Gewissen muss man dabei auch nicht haben, denn man schützt ja die Bevölkerung vor den bösen, bösen Egoisten.
Auf TikTok machte in den letzten Wochen die "Corona-Challenge" die Runde.

Als "Influencer" hat man es diese Tage auch nicht leicht. Wo es früher noch cool und hip war, sich selbst mit Benzin zu überschütten und anzuzünden, um sich dann rettend in eine Badewanne zu werfen (Stichwort: Fire-Challenge), wird man heute schon für das Ablecken von öffentlichen Toiletten scharf kritisiert. Die wie eine Barbie-Puppe aussehende, 22-jährige Eva Louise tat genau das und der Hate blieb freilich nicht aus. Sie hatte zwar kein Corona, aber nahm es billigend in Kauf es zu bekommen und so zahlreichen älteren und ohnehin schon kranken Menschen ein Meet & Greet mit dem Sensenmann zu ermöglichen.
Das nahm sich der deutsche Rapper Felix Krull zum Vorbild und machte auch mit bei der "Corona-Challenge". Er leckte zwar keine Toiletten ab, bei ihm war es viel hygienischere Dinge wie Fahrkartenautomaten, Rolltreppen-Laufbänder und ein handelsüblicher 5€-Schein, den er kurzerhand genüsslich verspeiste. Obwohl er das Video relativ schnell wieder offline nahm, verbreitete es sich binnen weniger Stunden auf den sozialen Medien in ungeahntem Ausmaße. Und da sind wir auch schon wieder bei unserer liebsten Sorte Mensch: dem Denunzianten. Ein Twitter-User erstattete Anzeige gegen den Rapper und sorgte dafür, dass dieser in U-Haft genommen wurde. Da das Video in München entstand, ergo in Bayern, hätte es schlimmstenfalls sogar sein können, dass Krull wegen eines "Terroranschlags" drei Jahre ins Gefängnis gekommen wäre. Das wäre höchstwahrscheinlich auch geschehen, wenn er tatsächlich Corona gehabt hätte- er hatte es nicht. Da kann man wohl von Glück im Unglück reden.
Die Denunzianten von damals kann man (meiner Meinung nach) auch getrost als solche bezeichnen. Es liegt auf der Hand, dass wir derzeit nicht in ähnlichen Verhältnissen leben müssen wie die Menschen damals in der DDR oder im dritten Reich, aber wir sollten uns dennoch auch an der eigenen Nase fassen. Haben wir uns immer an alle Regeln gehalten? Waren wir immer solidarisch mit jedem? Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein. Deshalb: nur um unser aller Wohl zu schützen, müssen wir nicht selbst zu einem Arschloch mutieren. So einfach ist das. 

Kommentare

  1. Gutes Schlußwort. Ich habe es als Kind miterlebt und auch schon beigebracht bekommen, acht zu geben was man wem wo und wann sagt. Der Spiegel zur eigenen Vergangenheit sollte jeden nochmal zögern lassen, den Schritt zu gehen. Die damit verbundenen Einschränkungen der Freiheit könnten einem letztendlich selbst auf die Füße fallen...

    AntwortenLöschen

Kommentar posten