Wie Streaming den Filme-Markt zerstört

Die bezaubernde Jennifer Connelly im legendären Giallo "Phenomena".

Die Liebe zum Alten war schon immer tief in mir verwurzelt. Ich bin 2000 geboren, habe also die glorreichen 70er und 80er nie miterlebt, aber spätestens mit 15 Jahren wurde mir klar, dass ich im falschen Jahrzehnt geboren bin. Das hat sich damals vor allen Dingen durch Horrorfilme wie "Freitag, der 13.", "Tanz der Teufel" und "The Texas Chainsaw Massacre" (hierzulande auch unter dem kultigen Titel "Blutgericht in Texas" bekannt) so ergeben. Ich war nie ein Freund schneller Schnitte, übertriebenem Knallboombang und lächerlichem CGI-Krimskrams. Eine packende Geschichte darf sich gerne auch mal 30 Minuten Zeit nehmen, um Fahrt aufzunehmen. Oft wenn ich anderen Leuten meine Lieblingsfilme zeige, empfinden sie die langen Einstellungen als ermüdend, doch das bestätigt mich nur in meiner Annahme, dass das heutige Kino uns "verdorben" hat. Wir sind es gewohnt mit allem förmlich bekotzt zu werden- seien es Spezialeffekte a la "Sharknado" oder hochwertigerer Müll wie bei "Transformers". Eine Zeit lang fand ich das enorm unterhaltsam und auch heute mag ich sowas an Sonntagnachmittagen voller Regen und Trübsal doch noch sehr gerne, nichtsdestotrotz hat sich im Allgemeinen mein Filmgeschmack davon abgewendet.
Wer mich kennt, weiß, dass ich schon immer ein gewisses Faible für stumpfe Gewalt hatte. Der ultra brutalen Splatter-Schmarrn "Braindead- Der Zombie Rasenmähermann" brachte mich einerseits zum Lachen und andererseits waren die Effekte ekelhaft. Und man stelle sich vor: der Regisseur dieses Knallers war Peter Jackson. Eben jener Typ, der später auch für Knallboombang-Quark wie "Transformers" verantwortlich war. Verblüffend.
In den letzten Jahren wurde alles immer schneller, nicht nur die Filme. YouTube und Konsorten haben unsere Aufmerksamkeitsspanne auf ein Minimum reduziert. Überzeugt uns ein Video nicht binnen weniger Sekunden, klicken wir auf ein anderes. Das spiegelt sich auch im Musik-Geschäft wieder: die Songs werden immer kürzer, um auf Spotify möglichst viele Streams generieren zu können. Dazu muss man wissen, dass auf Spotify ein Stream erst als solcher angesehen wird, wenn der Zuhörer sich den Song mindestens 30 Sekunden angehört hat. Ich bin da nicht anders, auch ich bin betroffen von diesem Phänomen. Nur will ich es nicht noch lobpreisen oder gar befeuern.
Der Filmmarkt sit wie kein anderer durch dieses Nutzerverhalten in die Enge getrieben worden. Immer mehr Menschen schauen sich nur noch Serien an, wollen mehr oder weniger einfach nur berieselt werden. Das ist meiner Meinung nach auch der entscheidende Grund für den Erfolg von Serien wie "Games of Thrones"- viel Sex und Gewalt. Zugeben würde das niemand. Das ist wie mit Pornos: fast jeder Mann schaut sie, nur die wenigsten geben es zu. 
Netflix hat sich vollkommen auf das sogenannte "Binge-Watching" spezialisiert.

Streaming-Giganten wie Amazon Prime oder Netflix nutzen das für sich. Der Fokus liegt nicht auf neuen Filmen, sondern auf neuen Serien. Das liegt am "Binge-Watching", welches Serien-Marathons ungeahnten Ausmaßes bezeichnet. Dabei gerät die Kunst des Filmemachens jedoch gänzlich in den Hintergrund, denn Serien werden eigentlich nie von Independent-Regisseuren gedreht, da sie aufgrund ihrer Länge sonst deren Budget sprengen würden. Am Ende des Tages geht es nur ums Geld. Mein Geld, euer Geld. Dem Mainstream geht das gepflegt am Arsch vorbei, denn man wird ja unterhalten. In den 80ern waren Serien meist aufs Fernsehen ausgerichtet. Im Fernsehen gibt es andere Spielregeln: hier muss sich niemand bewusst für eine Serie entscheiden, er schaltet einfach den Sender seiner Wahl ein und das wars. Wenn man das heutzutage ohnehin völlig überflüssige Pay-TV mal ignoriert, dann braucht man nicht einmal dutzende Abonnements, die einem still und heimlich das Geld aus der Tasche ziehen.
Auch ich schaue nur noch wenig fern. Mich stört hauptsächlich bei den Privaten die Werbung und auf den öffentlich rechtlichen kommt mir zu viel Zeug, was mich nicht die Bohne interessiert. Meine große Leidenschaft ist das Sammeln von physischen Datenträgern- in meinem Fall hauptsächlich DVDs und Blu-Rays-, denn aus mir selbst unerfindlichen Gründen liebe ich es einfach einen Film zu besitzen. Der dritte Weltkrieg kann da theoretisch ausbrechen- meine Filme habe ich immer noch. Ich bin unabhängig von irgendeinem übergroßen Konzern, der auch von heute auf morgen meinen Lieblingsfilm aus seinem Angebot nehmen kann.
Die meisten Filme bestelle ich mir aus Österreich, denn dort kann man sich sicher sein, dass diese nicht der Zensur-Schere zum Opfer gefallen sind. Ohne diese Möglichkeit wäre mir der Mondo-Klassiker "Cannibal Holocaust" zum Beispiel durch die Lappen gegangen, denn der ist in Deutschland bundesweit beschlagnahmt. Auf Amazon Prime findet ihr solche Schmankerl nicht- auch nicht in Österreich. Die Torture Porn-Reihe "Saw" ist dort zwar verfügbar, aber zur Unschaubarkeit beschnitten. Das liegt in diesem Fall jedoch nicht an Amazon, sondern an unserem Gesetzt. Ganz anderes Thema.
Das Motto dieses Textes soll keineswegs "Früher war alles besser" sein, denn viele Dinge waren früher nicht annähernd so gut wie heute. Dennoch vermisse ich die Zeit von damals- doch wie kann ich etwas vermissen, dass ich nicht miterlebt habe? Ich habe keine Ahnung. 

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